Drucken

Sellner, B.R. & Ramsch, B. 2000: Rote-Schmieralgen-Gefahr bei niedriger Karbonathärte? D. Aqu. u. Terr. Z. (DATZ) 12: 36-37.

Rote-Schmieralgen-Gefahr bei niedriger Karbonathärte?

von Beate R. Sellner und Burkhard Ramsch, Diplom-Biologen der Firma AquaCare, Herten

Einleitung
Erste Schmierlagen
Ursächliche Konstellation?
Literatur


Einleitung

Schmieralgen sind dem Meerwasseraquarianer ein Graus. Besonders die stark rot gefärbten - bei vielen Aquarianern auch als „rote Pest“ bezeichnet - können rasant schnell auftreten und sich vermehren und empfindliche Niedere Tiere ersticken. Die hier vorgestellten Beobachtungen entstanden eher unfreiwillig in einem unserer Versuchsaquarien.

Das mit Schmieralgen befallene Aquarium fasst ca. 400 Liter (Fosså & Nilsen 1998) und ist mit folgender Technik ausgestattet: Beleuchtung: 1 x 400 Watt HQI blau (1½ Jahre alter Brenner!) für 8 Stunden, 2 x 56 Watt Leuchtstoffröhren Farbton 21 für 9 Stunden, 2 x 56 Watt Leuchtstoffröhren Farbton 67 für 10 Stunden; Filterkreislauf: 3,7 m³/h mit luftbetriebenen Innenabschäumer AquaCareFlotor 90i; Strömung: 2 x Fischer-Turbelle 2000 l/h im Kurzzeitintervallbetrieb; Wasserwechsel (AquaCare Meersalz mit Umkehrosmosewasser angesetzt) alle 3 Tage ca. 10 Liter (25% pro Monat); Nachfüllwasser: Kalkwasser mit Umkehrosmosewasser (<1 µS/cm) angerührt und automatisch zudosiert; Wasserwerte zum heutigen Zeitraum: pH ca. 8,2-8,3, Nitrat 20-40 mg/l, Phosphat 0,1-0,2 mg/l (mit Phosphat-minus regelmäßig gesenkt).

Die Konzentrationen von Nitrat und Phosphat erscheinen sehr hoch, was allerdings auch nicht verwunderlich ist, da 4 Zebrasoma flavescens, 1 Ctenochaetes strigosus, 1 C. striatus, 1 Centropyge loriculus, 4 Chromis viridis, 1 Cryptocentrus leptocephalus, 4 Chrysiptera parasema und 2 Garnelen Lysmata spec. das Becken ohne große Probleme als ihren Lebensraum akzeptieren. Gefüttert wird von Montags bis Freitags ca. ½ Tafel (ca. 50 g) hochwertiges Frostfutter - manchmal mit Spirulina-Flocken und tiefgefrorenem Plankton angereichert - in 5 bis 7 Portionen über den Tag verteilt. Dazu gibt es sporadisch Salat, Meersalat oder anderes Grünzeug für die „Doktoren“.

Die niederen Tiere gedeihen prächtig, so dass all zu oft Teile oder ganze Tiere aus dem Becken genommen werden müssen. Auch Steinkorallen (Acropora spec, Fungia spec.) wachsen gut und zeigen starke Wachstumspitzen (sofern vorhanden). Wir müssen allerdings einschränkend dazu sagen, dass die Nitrat- und Phosphatwerte wahrscheinlich an der obersten Toleranzgrenze liegen und nicht nachgeahmt werden sollten. Die hohen Messwerte sind der Ausgangspunkt für einen neuen Versuch, über den wir später auch berichten werden.

 

Erste Schmieralgen

Das Aquarium ist zum jetzigen Zeitpunkt (April 2000) 4 Jahre alt inclusive eines Umzuges. Zu Beginn wurden für die Erhaltung von Calciumkonzentration und Karbonathärte die AquaCare Pflegelösungen KH-plus und Calcium benutzt. Die Karbonathärte lag bei 5-6 Härtegraden (Titrationsgenauigkeit 0,2°dKH (AquaCare 2000)). Der pH-Wert schwankte stark zwischen 7,8 und 8,2 (ΔpH = 0,4!). Nach ca. 1½ Jahren ohne Schmieralgenprobleme zeigten sich die ersten roten Schmieralgen. Auch zu diesem Zeitpunkt waren Nitrat und Phosphat mangels regelmäßigem Wasserwechsel stark erhöht (gefüttert wurde wesentlich weniger). Unabhängig von den Schmieralgen wurde wenige Wochen später der damals neuentwickelte Turbo-Kalkreaktor Größe 1 an dieses Becken angeschlossen, um ihn in der Praxis zu testen (im Labor lief er mit vielen Veränderungen und Verbesserungen seit einem Jahr).


Abb. 1: Verlauf von pH-Wert und Karbonathärte im Versuchsaquarium. Der Pfeil kennzeichnet den Start des Turbo-Kalkreaktors.

Nach wenigen Tagen des Betriebes verschwanden die roten Schmieralgen allmählich wieder. Die Karbonathärte stieg auf ca. 10°dKH. Auch die pH-Wertschwankungen aufgrund der vorher niedrigen Karbonathärte reduzierten sich auf ΔpH = 0,2; der pH-Wert fiel nicht mehr unter 8,05. Das Verschwinden der roten Schmierlagen wurde nicht weiter beachtet - sie waren vorher noch nicht zur Dauerplage geworden.

Nach ca. 3½ Jahren wurde der Kalkreaktor abgeschaltet, die in der Zwischenzeit dazugekommene Kalkwasserzugabe als Ersatz des verdunsteten Wassers jedoch beibehalten. Nach ca. 2 Wochen zeigten sich wieder die roten Schmieralgen. Die dosierten Lösungen Calcium und KH-plus vermochten es nicht, die Werte auf dem vorher hohen Niveau zu halten. Die Karbonathärte lag wieder bei 5-7°dKH. Nun machten wir uns Gedanken, was die Ursache sein könnte. Der Brenner war unverantwortungsvoll „ausgelutscht“, Nitrat und Phosphat lagen im oben beschriebenen Bereich, das Redoxpotential (gemessene Messkettenspannung) dümpelte wie immer zwischen 260 und 300 mV je nach Wartungszustand des Abschäumers, Scheibenreinigens und Futterzugabe.

Nach weiteren 3 Wochen wurde, ohne andere Faktoren wissentlich zu ändern, der Turbo-Kalkreaktor wieder in Betrieb genommen. Innerhalb einer Woche verschwanden wieder die roten Algen.


Abb. 2: Rote Schmieralgen im Aquarium. Foto: R. Hebbinghaus


Abb. 3: "Rote Schmieralge" Lyngbya sp., Oscillatoriales unter dem Mikroskop. Foto: R. Hebbinghaus


Ursächliche Konstellation?

Das wiederholte Aufkommens und anschließende Verschwinden der roten Schmieralgen gestattet die Vermutung, dass niedrige Karbonathärten deren Wachstum begünstigen. Natürlich muss darauf hingewiesen werden, dass die vorgenommenen Änderungen nicht nur die Karbonathärte beeinflussten, sondern auch den Calcium-Gehalt, den pH-Wert  und die Konzentration von freiem CO2 im Wasser.


Literatur

AquaCare 2000: Verwendete physikalische und chemische Methoden. www.aquacare.de - Meerwasser - Info - AC-Forschung.

Fosså, S.A. & Nilsen, A.J. 1998: Korallenriffaquarium. Band 6. Bornheim: Schmettkamp.

Kategorie: Biologie