Ramsch, B. & Sellner, B.R. 1995: Wie wichtig ist der Aktivkohlefilter bei Umkehrosmoseanlagen? DISKUS BRIEF 4: 134-138.
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von Burkhard Ramsch* und Beate R. Sellner*
Für die Hälterung und insbesondere für die Zucht von
Diskus-Buntbarschen ist weiches, von Schadstoffen befreites und leicht saures Wasser
unbedingt erforderlich. Neben der Wasseraufbereitung mit Ionenaustauschern (meist
Vollentsalzung) hat sich die Umkehrosmose einen festen Platz in der Aquaristik gesichert.
Beide Techniken haben sowohl Vor- als auch Nachteile. Den etwas geringeren Anschaffungs-
und Betriebskosten sowie der schnelleren Wasserproduktion bei Vollentsalzung steht die
chemiefreie (keine Entsorgungskosten), einfache und sichere Entfernung aller
Wasserinhaltsstoffe bei der Umkehrosmosetechnik gegenüber. Dieser Artikel soll kein
Plädoyer für die eine oder andere Technik sein - sowohl mit Vollentsalzung als auch mit
Umkehrosmose werden hervorragende Zuchtergebnisse bei Diskus und anderen empfindlichen
Fischen erzielt.
Tatsache ist, dass das Trinkwasser wegen natürlicher Faktoren (z.B. Härte), wegen
menschlicher Beeinflussungen (z.B. Nitrat und Pestizide aus der Landwirtschaft) oder aus
Gründen des Korrosionsschutzes (Phosphate und Silikate) meist nicht für den direkten
Gebrauch im Weichwasseraquarium verwendet werden kann.
Bei der Umkehrosmosetechnik wird mit Hilfe des Wasserleitungsdrucks ein Teil des
Leitungswassers durch eine semipermeable (halbdurchlässige) Membran gedrückt. Das
erhaltene Reinwasser ist zu 90-98% von allen Trinkwasserinhaltsstoffen - auch von den
wenig oder nicht geladenen Stoffen - befreit. (Schlüter 1990; Ramsch 1994)
Nachteilig ist, dass die wertvolle Umkehrosmosemembran vor einigen wenigen Stoffen
geschützt werden muss, um eine lange Lebensdauer zu gewährleisten:
Die Aktivkohlefilterung zur Aufbereitung von Leitungswasser ist eine
Alternative zur Umkehrosmose- bzw. zur Ionenaustauschtechnik, ergänzt sie aber auch. Der
Faktor, der die Wasserqualität entscheidend verändert, ist die Aufenthaltzeit des
Wassers im Filter. Je länger das Wasser an der Aktivkohle verweilt, desto niedrigere
Auslaufkonzentrationen der Giftstoffe werden erreicht. Problematisch ist die Standzeit des
Filters. Wird sie überschritten "bricht" der Filter "durch", d.h. die
in ihm angesammelten Giftkonzentrationen gelangen in das Aquarienwasser. Die aufbereitete
Wassermenge muss deswegen genau protokolliert und die Aktivkohle bei Erreichen der
theoretischen Kapazität sofort ausgetauscht werden. (Krause 1992,
Ramsch 1992)
Die Fähigkeit des Aktivkohlefilters, alle unerwünschten Inhaltsstoffe des
Leitungswassers zu binden, steht jedoch bei der Umkehrosmoseanlage nicht im Vordergrund.
Denn für eine wirksame Bindung der Giftstoffe sind die Größe des eingesetzten
Aktivkohlefilters und damit die Kontaktzeit des Wassers viel zu gering. Die Aktivkohle hat
nur dafür zu sorgen, dass Oxidationsmittel im Wasser zerstört werden. Andernfalls
könnten sie die Umkehrosmosemembran beschädigen und ins Aquarienwasser gelangen. Chlor
und Ozon werden nicht! - wie oft behauptet (z.B. Landhäußer 1990) - wie
organische Stoffe im Aktivkohlefilter adsorbiert, also an der Oberfläche der Aktivkohle
gebunden, sondern an der Oberfläche katalytisch gespalten. Zum Beispiel zerfällt im
Leitungswasser gelöstes Chlor nach der Formel:
Cl2 + H2O
<-> HOCl + HCl
gelöstes Chlorgas + Wasser <-> hypochlorige Säure + Salzsäure
Die hypochlorige Säure reagiert weiter zu Salzsäure und einem Sauerstoffradikal:
HOCl <-> HCl + O
hypochlorige Säure <-> Salzsäure + Sauerstoffradikal
Das Sauerstoffradikal hat die durch die Chlorung gewünschte
bakterientötende Wirkung. Es kann an der katalytischen Aktivkohle zu molekularem
Sauerstoff reagieren und damit unschädlich gemacht werden. Der ganze Prozess der
Chlorzerstörung kann bei einer Kontaktzeit von nur 2-3 Sekunden ablaufen, so dass
ein
kleiner Aktivkohlefilter ausreicht.
Theoretisch hielte der Aktivkohlefilter unbegrenzt, da sich Katalysatoren nicht
verbrauchen. In der Praxis aber setzen Partikel oder Ablagerungen aus dem Trinkwasser die
Oberfläche der Aktivkohlekörnchen zu und nehmen ihnen damit die katalytische Wirkung.
Als einfache Faustregel gilt: funktioniert der Feinfilter einer Umkehrosmoseanlage nicht
mehr, muss auch der Aktivkohlefilter gewechselt werden.
Der Zustand der Aktivkohlefilter ist nicht leicht zu beurteilen. Deshalb sollten die
Feinfilter (oder Kombifilter) regelmäßig kontrolliert werden. Dazu notiere man Färbung
und Zustand des Filters vor dem ersten Gebrauch und vergleiche sie alle 2 bis
6 Monate je nach Benutzung der Anlage. Schlammige rotbraune oder schwarze Beläge und
ein fauliger Geruch sind untrügliche Zeichen für einen zu weit hinausgeschobenen
Vorfilterwechsel. - Alte und verstopfte Vorfilter mindern Quantität und Qualität des
Reinwassers. Deswegen sollten diese beiden Parameter regelmäßig (alle 1 bis
3 Monate) gemessen und notiert werden. Nur dann kann, wenn sich Reinwasserquantität
und -qualität erheblich verschlechtern, mit dem Hersteller der Anlage sachgerecht
geklärt werden, ob die Membran der Anlage überholt werden kann oder ausgetauscht werden
muss.
Soll nun der Aktivkohlefilter vor oder nach der Membran eingebaut werden? - Dies hängt
vor allem vom Membranmaterial ab. Wird die in Mitteleuropa wenig verbreitete
Celluloseacetatmembran benutzt, ist gechlortes (ozonisiertes) Wasser Voraussetzung, da die
Oxidationsmittel alle Bakterien töten, die die Celluloseacetatmembran zerstören können.
Bei diesem Membrantyp muss also der Aktivkohlefilter unbedingt hinter die
Umkehrosmosemembran montiert werden. Außerdem dürfen diese Anlagen nie abgestellt
werden, da sonst die Bakterien eine Chance erhalten, die Membran zu "zernagen".

Abb. 1: Fließschema von Umkehrosmoseanlagen mit unterschiedlichen Membranen
Bei Kunststoffmembranen aus Polyamid-Polysulfon (Thin Film Composit =
TFC) hingegen muss der Aktivkohlefilter vor die Membran gebaut werden, da dieser
Membrantyp etwas empfindlicher gegenüber Chlor und anderen Oxidationsmitteln ist (ca.
1000 ppm*h) ist.
Auch bei Kunststoffmembranen aus Polyvinylalkohol sollte, wenn das Wasser gechlort ist,
unbedingt ein Aktivkohlefilter benutzt werden. Erstens ist die Konzentration an Chlor oder
anderen Oxidationsmitteln nur mit Aufwand zu ermitteln (Chlortests gibt es zwar, aber bei
Ozon und den anderen üblichen Oxidationsmitteln hat man kaum eine Chance,
verlässliche
Werte zu bekommen) und zweitens werden gasförmige Oxidationsmittel wie z.B. Chlor nicht
von der Umkehrosmosemembran zurückgehalten. Diese Stoffe tauchen im Reinwasser auf und
müssen unbedingt katalytisch mittels Aktivkohle gespalten werden, um einer
Kiemenverätzung der Aquarienfische vorzubeugen.
Nachgeschaltete Aktivkohlefilter (RO-Anlagen mit Celluloseacetat- oder
Polyvinylalkoholmembranen) haben zwar den Vorteil, dass sie wesentlich länger ihre
katalytische Oberfläche behalten, aber die Beurteilung, wann die Aktivkohle nicht mehr
Oxidationsmittel spalten kann, ist dem Hobbyaquarianer nicht möglich. Sicherheitshalber
sollte der Aktivkohlefilter deshalb mit jedem oder bei jedem zweiten Feinfilterwechsel
mitausgetauscht werden. Nachgeschaltete Aktivkohlefilter bieten ferner Bakterien eine
große Aufwuchsfläche. Die Bakterien werden nach und nach in das Reinwasser entlassen,
denn sie können bei der Wartung nicht abgespült werden. Der Reinwasserstrom ist nämlich
schwächer als z.B. das Spülwasser an der Umkehrosmosemembran.
Bei vorgeschalteten Filtern werden Bakterien aus dem Leitungswasser und Bakterien, die in
den Vorfiltern wachsen, von der Umkehrosmosemembran zurückgehalten. Im Reinwasserteil
steht keine Aufwuchsfläche in Form eines Aktivkohlefilters zur Verfügung - die Belastung
durch Bakterien ist somit geringer. Aber auch mit nachgeschaltetem Aktivkohlefilter ist
die bakterienverfügbare Fläche weitaus geringer als bei Ionenaustauschharzen. Gerade in
der Diskuszucht sollte dieser Bakterienaspekt mitbeachtet werden (siehe Köhler 1995).
100%ige Sicherheit vor Bakterien bieten indessen nur weitere Aufbereitungsmethoden wie
z.B. UV-Bestrahlung des Wassers.
Nur wenn der Betreiber einer Umkehrosmoseanlage wirklich sicher ist, dass keine
(< 0,1 mg/l) starken Oxidationsmittel im Leitungswasser enthalten sind, kann er
auf einen Aktivkohlefilter verzichten. Die Wasserwerke geben auf Anfrage Analysen des
Trinkwassers heraus. Zu beachten ist dabei, dass gerade große
Wasserversorgungsunternehmen eine Vielzahl von Brunnen betreiben und versorgungstechnisch
entscheiden, welche(r) Brunnen benutzt werden (wird). Die Angaben aus der Wasseranalyse
sind deshalb Mittelwerte. Aussagen über Maximalkonzentrationen gibt es zumeist nicht.
Besonders Chlorkonzentrationswerte unterliegen großen Schwankungen, da es bei diesem
Parameter von Bedeutung ist, ob man nah oder entfernt von der Chlorungsstelle sein Wasser
zapft. Im Zweifelsfalle sollte ein Aktivkohlefilter verwendet werden - denn eine neue
Membran kostet ein Vielfaches des Preises eines Aktivkohlefilters bzw.
Aktivkohlefiltereinsatzes.
Literatur
Aurand et al. (Hrsg.) 1991: Die Trinkwasserverordnung - Einführung und
Erläuterungen für
Wasserversorgungsunternehmen und Überwachungsbehörden. 3. Aufl.. Erich Schmidt.
Köhler, W. 1995: Probleme mit meinen Diskus-Wildfängen. Teil II: Resistente Krankheitserreger. Diskus Brief 2: 44-46.
Krause, H.J. 1992: Aktivkohlefilterung bei Verdacht auf schadstoffhaltiges Wasser - Eigenschaften und richtige Dimensionierung. Diskus Brief 4: 106-110.
Landhäußer, D. 1990: Vergleich einiger gängiger Wasseraufbereitungssysteme. Diskus Brief 1: 17-20.
Ramsch, B. 1992: Was bewirkt Aktivkohle? D. Aqu. u. Terr. Z. (DATZ) 11: 730-733.
Ramsch, B. 1994: Wasseraufbereitung als Basis für die Pflege und Zucht von Aquarienfischen. D. Aqu. u. Terr. Z. (DATZ) 12: 802 - 807.
Schlüter, M. 1990: Qualitätsunterschiede bei Umkehrosmoseanlagen. Diskus Brief 1: 27.